Rücksprung zum vorherigen Bild
erstellt von Steffen am 02.06.2012 / letzte Änderung am 03.10.2019
Dieser Bericht wurde 927 mal angesehen.
Es gibt viele Gründe, nicht bei einem Rad-Marathon mitzumachen:
Das ist nun einmal eine Massenveranstaltung mit den damit verbundenen Begleiterscheinungen. Die Teilnahme ist anstrengend und nicht ganz ungefährlich, gerade wenn sich wegen der Zeitmessung zusätzlicher Ehrgeiz entwickelt. Schlechtes Wetter kann einem die Veranstaltung ebenso vermiesen wie eine größere Panne. Von schöner Landschaft, von Dörfern und Burgen bekommt man wenig mit. Aber Monika und Stefan schafften es schließlich, mich von der Nove Colli-Runde zu überzeugen. Nicht zuletzt lockten natürlich auch die von Kurt
geplanten Touren ins Hinterland von Cesenatico.
In Anbetracht der Strecke von über 200 km mit einer Höhendifferenz von über 3.800 m waren zu Hause einige Trainingseinheiten zu absolvieren, erst auf dem ungeliebten Heimtrainer und dann auf dem Rad, vorwiegend am Samerberg und häufig in Begleitung von Monika und Stefan. Auch Kurt ließ uns vor Ort auf der Tour nach San Marino noch etliche Extra-Höhenmeter hinaufstrampeln.
Das in die Jahre gekommene Rennrad hatte ich ein durch paar Neuteile aufgewertet: Kette, Reifen und Schläuche, ein bequemerer Vorbau und auf Empfehlung von Stefan noch eine zweite Trinkflasche. Der HAC4-Computer war durch Unzuverlässigkeit und Batterieverschwendung schon länger unangenehm aufgefallen und durch ein einfaches Modell mit drahtgebundener Übertragung ersetzt worden.
Am Renntag weckte ein Gerumpel meine Frau und mich um kurz nach vier Uhr morgens. Was ich zunächst für einen besonderen Service unseres Hotels hielt, erkannte Karin als alter Lateinamerika-Hase sofort als Erdbeben, das andernorts leider weit schlimmere Folgen hatte. Bei uns sorgte nur ein in der Nacht geplatzter Schlauch an meinem Vorderrad noch für etwas Stress vor dem Aufbruch; Monika und Stefan halfen mir bei der Reparatur. Wenigstens waren uns nicht – wie einigen anderen bedauernswerten Hotelgästen – die Fahrräder über Nacht aus dem abgeschlossenen Fahrradraum gestohlen worden. Das scheint kein Einzelfall zu sein: Insider nehmen ihre teuren Fahrräder sogar mit auf das Zimmer.
Für uns drei Starter in der letzten Gruppe der knapp 11.000 Teilnehmer fiel die Wartezeit immer noch recht lang aus. Silvia und Thomas leisteten uns als Film- und Foto-Team Gesellschaft. Nach dem Start kamen Stefan und ich auf der schnelleren linken Seite des Feldes recht zügig voran und verloren dadurch Monika, die vorsichtiger zu Werke ging. So erreichten wir ohne größere Anstrengung einen Schnitt von 35 km/h auf den ersten flachen 25 Kilometern. Dann ging es über Bertinoro und Polenta zum ersten Hügel hinauf. Durch die engen Straßen und ihre Steigungen gab es einiges Gedränge und danach sogar einen längeren Fußmarsch. Stefan und ich hatten uns aus den Augen verloren. Vor der steilen Abfahrt löste sich der Stau auf. Etliche Fahrer wollten aber anscheinend verlorene Zeit durch besonderen Einsatz wettmachen und wurden durch Stürze dafür bestraft. Der mäßige Straßenzustand – bedingt auch durch den vorangegangenen harten Winter mit über 1 m Schnee – führte hier wie an vielen anderen Stellen zu etlichen Pannen. Breite und möglichst pannenfeste Reifen auf beiden Rädern sind anzuraten!
Nach einem längeren welligen Stück steigt die Straße gleichmäßig zum nächsten Hügel an, dem Pieve di Rivoschio, einem der schönsten Hügel. Wie ein riesiger Lindwurm wand sich das Fahrerfeld in Serpentinen den Berg hinauf, unter Nutzung der vollen Straßenbreite mit gleicher, mäßiger Geschwindigkeit. Überholer hatten es hier wie an den folgenden Hügeln nicht ganz einfach: Das „Occhio“ (Vorsicht) ging in der oft lautstarken Unterhaltung unter. Gut kam man meist auf den steileren, weniger befahrenen Innenseiten der Kurven vorbei. Einer schob die störenden Vorderleute mit sanftem Druck in die Hüften einfach nach rechts oder links zur Seite! Oben gab es nicht nur eine herrliche Aussicht, sondern auch eine reichhaltige Verpflegung und danach eine schöne Abfahrt. Der nächste, ebenfalls gleichmäßige Anstieg zum Ciola-Hügel und die Abfahrt nach Mercato Saraceno folgen gleich darauf.
Der Anstieg zum Barbotto gilt wegen des ungleichmäßigen und teilweise steilen Anstiegs als eine Schlüsselstelle. Schon lange
vor dem höchsten Punkt war ein Sprecher zu hören, der die Teilnehmer anzutreiben versuchte: "Benvenuto in paradiso!" Viele, die mit letzter Kraft hinauf eierten oder ihr Rad schieben mussten, fühlten sich aber überhaupt noch nicht im Paradies, sondern wünschten den Schreihals vermutlich zur Hölle. Hier war ich um mein drittes Kettenblatt vorn, die "Rentnerscheibe", froh. Auf der Abfahrt vom Barbotto begann es leider zu regnen. Hier wie noch einige Male an diesem Tag beneidete ich die Fahrer, die ihre Regenjacke in voller Fahrt an- und ausziehen können und damit einiges an Zeit sparen. Nicht zu beneiden waren die vielen Fahrer mit modisch korrekter weißer Hose, auf der sich nun ein hässlicher Streifen bildete. In Sogliano, wo die kurze Route abzweigt, war wieder eine Verpflegungspause fällig. Hier gab es sogar Toilettenhäuschen, die allerdings alle besetzt waren. Gleich zwei strenge Aufpasser hinderten mich am Weg ins Gelände! Auf der einsamen Abfahrt zum Ponte Uso wurde klar, dass die meisten die kürzere Runde fahren. Manchmal freute ich mich sogar, wieder jemanden zu sehen, um zu wissen, dass der Weg richtig war. Leider war nun auch mit sporadischem Autoverkehr zu rechnen.
Der nächste Hügel, der Monte Tiffi, ist nicht besonders hoch, aber teilweise steil. Nach nur kurzer Abfahrt geht es mit mäßiger Steigung noch viel weiter hinauf nach Perticara. Allmählich spürte ich die Berge in den Beinen. Im Gipfel-Dorf gab es anfeuernde Parolen aus dem Lautsprecher und Applaus vom Straßenrand. Es folgt eine schöne, ausnahmsweise übersichtliche Abfahrt. Dann steigt die Straße meist sanft, aber länger als bei allen anderen Hügeln zu einer weiteren Schlüsselstelle der Nove Colli an, dem Monte Pugliano. Der Berg machte mir ziemlich zu schaffen, weil ich offenbar zu wenig gegessen hatte. So war ich froh, als ich endlich über den reich gedeckten Tisch der Verpflegungsstation am Gipfel herfallen konnte. Es regnete wieder stärker, und die Abfahrt auf der engen und nassen Piste erforderte einige Vorsicht.
Der Anstieg zum vorletzten Hügel, dem Passo delle Siepi oder Passo Grillo, ist eher leicht. Ebenso wie das Wetter erholte ich mich wieder einigermaßen. Auf dem längeren Flachstück nach der Abfahrt ruhte ich mich zunächst noch im Windschatten einer größeren Gruppe aus. Als die Führenden etwas erlahmten, wollte ich auch mal an die Spitze und hielt es dort einige Kilometer bis zum Fuß des letzten Hügels aus, auch als kurzzeitig starker Regen einsetzte. Dann
war ich aber erst mal ausgepumpt und wurde von einem jungen Italiener überholt, der sich mit einem Daumen-hoch-Zeichen für die Führungsarbeit bedankte. Auf dem recht ungleichmäßigen Anstieg zum Gorolo lief es zum Schluss wieder besser. Ich konnte den jungen Italiener einholen, er lachte herüber und wir unterhielten uns ein bisschen. Für die feuchte Abfahrt vom Gorolo zog ich wieder die Regenjacke an und bis ins Ziel nicht mehr aus. Leider erwischte ich erst spät eine Gruppe, deren Windschatten mir die Flachstrecke nach Cesenatico erleichterte. Im Ziel bereiteten mir die RoRadln-Freunde samt eigenem Filmteam einen herzlichen Empfang, und der Sprecher an der Tribüne wollte sogar ein Interview. Den Film über die NoveColli 2012 könnt ihr hier sehen.
Für die nächsten Tage verbannten wir die Rennräder dann in den Fahrradraum. Wir ließen uns von Kurt auf schönen Touren mit dem MTB ins Hinterland führen und konnten auch den einen oder anderen Ort, den wir auf dem Rennrad kaum wahrgenommen hatten, genauer in Augenschein nehmen. Auch andere Aktivitäten wie Baden im Meer, Einkaufen oder der Besuch eines Weinguts kamen nicht zu kurz.
Vielen Dank, insbesondere an Kurt und an das Film- und Foto-Team!
Rücksprung zum vorherigen Bild
Diverse Berichte
Freie Weltkarte
Das Dokument ist zu Ende. Es folgt nur noch die Navigation in der Fußzeile.